Kaum ein Gegenstand begleitet den Alltag so unauffällig wie der Schlüssel. Die meisten Menschen tragen drei bis fünf davon mit sich herum, benutzen sie ein Dutzend Mal am Tag und denken erst über sie nach, wenn einer fehlt. Dabei gehört der Schlüssel zu den ältesten Werkzeugen, die noch heute in praktisch unveränderter Grundidee in Gebrauch sind. Sein Prinzip ist rund viertausend Jahre alt und steckt bis heute in fast jeder Haustür.
Bemerkenswert ist dabei, wie sehr sich die Beschaffung verändert hat, während das Prinzip gleich blieb. Wer heute Ersatz braucht, kann einen Schlüssel online bestellen und braucht dafür nicht einmal mehr das Original, sondern nur die eingeprägte Schlüsselnummer oder ein Foto. Zwischen diesem Mausklick und dem ersten bekannten Schloss der Menschheit liegt ein weiter Weg, und er beginnt mit einem Stück Holz.
Die ältesten nachgewiesenen Schlösser stammen aus dem alten Ägypten und Mesopotamien. Sie bestanden komplett aus Holz: Ein Querriegel hielt die Tür, und in diesen Riegel fielen von oben mehrere Holzstifte, die ihn blockierten. Der zugehörige Schlüssel war ein armlanger Holzhaken mit Zapfen, die genau zu den Stiften passten. Wer ihn einführte und anhob, drückte die Stifte nach oben und konnte den Riegel zurückziehen. Wer die Anordnung der Zapfen nicht kannte, blieb draußen. Fallende Stifte, die nur das passende Muster anhebt: Genau diese Idee arbeitet heute in jedem Stiftzylinder.
Die Griechen verlegten den Riegel ins Innere und bedienten ihn mit sichelförmigen Schlüsseln durch ein Loch in der Tür. Die eigentliche Miniaturisierung gelang dann den Römern. Sie fertigten Schlösser und Schlüssel aus Eisen und Bronze, bauten Drehmechanismen mit federnden Zuhaltungen und schrumpften den Schlüssel so weit, dass er als Fingerring getragen werden konnte. Solche Schlüsselringe öffneten die Geldkassetten und Truhen wohlhabender Haushalte. Schon damals war der Schlüssel mehr als ein Werkzeug: Wer die Schlüssel des Hauses trug, hatte dort das Sagen.
Das Mittelalter machte aus dem Schlosserhandwerk eine Kunst. Die Schmiede der Zünfte fertigten Bartschlüssel mit immer aufwendigeren Profilen, und die zugehörigen Truhen- und Torschlösser bekamen mehrfache Zuhaltungen, verdeckte Schlüssellöcher und kunstvoll geschnittene Eingerichte, die nur einen exakt passenden Bart durchließen. Sicherheit entstand durch handwerkliche Raffinesse, und ein gutes Truhenschloss war ein Statussymbol, das man Besuchern durchaus vorführte. Zugleich blieb jedes Schloss ein Einzelstück. Ging der Schlüssel verloren, begann die Arbeit des Schmieds von vorn.
Den nächsten Sprung brachte das England des ausgehenden 18. Jahrhunderts, als aus Schmiedekunst Präzisionsmechanik wurde. Joseph Bramah stellte 1784 ein Schloss vor, das er öffentlich zum Knacken ausschrieb, mit einem Preisgeld obendrauf. Es dauerte 67 Jahre, bis der amerikanische Schlosser Alfred Hobbs die Wette 1851 auf der Londoner Weltausstellung gewann, und er brauchte dafür Wochen. Um dieselbe Zeit entwickelten Linus Yale Vater und Sohn in den USA den modernen Stiftzylinder: federgelagerte Stiftpaare in einem drehbaren Kern, angehoben von einem flachen, gezackten Schlüssel. Die Idee war eine bewusste Rückkehr zum ägyptischen Fallstiftprinzip, nur eben in Metall und massentauglich. Der flache Yale-Schlüssel ließ sich maschinell fräsen, und genau das veränderte alles.
Denn mit der Industrialisierung wurde der Schlüssel vom Einzelstück zur Serienware. Im 20. Jahrhundert kamen genormte Profilzylinder auf, die sich in jede Standardtür einbauen lassen, dazu Schließanlagen für Mietshäuser und Betriebe, bei denen ein Generalschlüssel viele Türen öffnet. Aus der Bartform des Schmieds wurden Maßreihen: Jede Schließung ist seither eine definierte Kombination aus Profil und Frästiefen, dokumentiert beim Hersteller und abgekürzt in einer Nummer, die auf Schlüssel, Zylinder oder einer Sicherungskarte steht. Der Schlüssel war damit endgültig auch ein Datensatz geworden.
Diese Nummer ist der Grund, warum die Ersatzbeschaffung heute so unspektakulär abläuft. Eine Codefräsmaschine liest die hinterlegten Maße und fertigt den Schlüssel im Werkszustand, ohne je ein Original abgetastet zu haben. Der Kunde übermittelt Nummer oder Foto über das Internet, ein paar Tage später liegt der Schlüssel im Briefkasten. Bei geschützten Profilen wacht die Sicherungskarte darüber, dass nur der Eigentümer bestellen kann. Was im Mittelalter tagelange Schmiedearbeit war und noch vor fünfzig Jahren den Gang zum Laden mit dem Original erforderte, ist auf das Ablesen einer Prägung geschrumpft.
Wie tief der Schlüssel dabei in die Kultur eingesickert ist, zeigt die Sprache. Wer heiratet, bekommt symbolisch die Schlüsselgewalt über den gemeinsamen Haushalt, eine Formel aus dem alten Eherecht. Städte überreichen Ehrengästen einen Stadtschlüssel, der längst keine Tür mehr öffnet. Petrus trägt auf unzähligen Kirchenportalen zwei gekreuzte Schlüssel, das Wappen des Vatikans zeigt sie bis heute. Und das Wort Schlüsselkind beschrieb in der Nachkriegszeit eine ganze Generation, die den Wohnungsschlüssel an der Schnur um den Hals trug, weil beide Eltern arbeiteten. Kein anderes Alltagswerkzeug hat es zu so vielen Bedeutungen gebracht.
Gesammelt werden Schlüssel übrigens seit Jahrhunderten. Die Hanns Schell Collection in Graz, nach eigenen Angaben das größte Schloss- und Schlüsselmuseum der Welt, zeigt zehntausende Stücke vom römischen Ringschlüssel bis zur barocken Prunktruhe. Auf Flohmärkten wechseln alte Bartschlüssel kiloweise den Besitzer, als Deko, als Requisite und gelegentlich als letzte Rettung für ein altes Möbelschloss, zu dem es keinen Schlüssel mehr gibt.
Auf der Gegenseite des Schlüssels steht übrigens ein Werkzeug mit Vornamen: der Dietrich. Warum das Sperrwerkzeug der Einbrecher und Schlosser ausgerechnet nach einem Männernamen heißt, ist nicht abschließend geklärt, belegt ist der Begriff seit dem Spätmittelalter. Die Schlosser jener Zeit führten ihn ganz offiziell, denn wo jedes Schloss ein Einzelstück war, ließ sich ein verlorener Schlüssel oft nur durch geschicktes Sperren ersetzen. Erst die Serienfertigung mit dokumentierten Schließungen machte aus dem Sperren die Ausnahme und aus der Nachfertigung den Normalfall.
Vier Jahrtausende nach dem Holzriegel vom Nil ist das Ergebnis eine merkwürdig beständige Technik. Autos funken, Türen bekommen Elektronik, und trotzdem steckt in der großen Mehrheit aller Wohnungstüren ein mechanischer Zylinder, dessen Stifte ein gezackter Schlüssel anhebt, ganz wie vor viertausend Jahren die Holzzapfen. Der ägyptische Riegel liegt heute im Museum. Sein Prinzip hängt am Schlüsselbrett im Flur.